
Die Mauer erzählt
Besucht man die Villa Buth, ist der Eindruck der Ziegelmauer stets präsent. Sie umfasst das Gelände vollständig, sowohl den Garten als auch die Parkanlage. Bei Umrundung des Areals stellt man fest:Mauer ist nicht gleich Mauer.Das Bauwerk verändert sich entlang der Grenze des Grundstücks.
Die Mauer erzählt befasst sich mit einer Abgrenzung von Bauabschnitten, Eingrenzung von Bauzeiten und Spurensuche entlang der Mauer. Die Grenzanlage wird dabei skizzenhaft kartiert. Was erzählt die Mauer uns, wenn wir uns genauer mit ihr befassen?
Ein Spaziergang entlang der Mauer
Die interaktive Karte führt rund um die Umfriedung der Villa Buth und ihrer Parkanlage. Sie gibt erste Einblicke in die Geschichte, die uns die Mauer erzählt. Klickt man die Punkte in eingezeichneter Reihenfolge, entspricht dies am ehesten einem Spaziergang vor Ort, bei dem die Mauer nach und nach abgeschritten und betrachtet wird.



Die Bauabschnitte der Mauer
Grenzstellen der bauabschnitte
Die Ziegelmauer lässt sich in drei größere Bauabschnitte unterteilen, bei denen kleinere bauliche Veränderungen außer Betracht gelassen wurden. Die Unterteilung erfolgt auf Grundlage genauer Beobachtungen während eines architektonischen Spaziergangs.
Eine Veränderung der Mauer wird immer dort besonders deutlich, wo zwei Bauabschnitte aufeinandertreffen. Die erste Grenzstelle befindet sich an der Bushaltestelle „Villa Buth“ in der Wymarstraße, die zweite am Haupteingang an der Wymarstraße und an der Einfahrt zur Parkanlage. Die dritte Grenzstelle liegt an der Westseite des Grundstücks an der Toreinfahrt am Kastanienbusch. Die drei Bauabschnitte können anhand der in den Steckbriefen aufgenommenen Kriterien beschrieben und unterschieden werden.
Die Bauabschnitte und ihre Eigenschaften
Bauabschnitt 1: Die alte Mauer (Ursprung)
Farbigkeit Ziegel: dunkel, bräunlich-rot
Höhe: ca. 1,95m
Mauerverband: wechselnd, u.a. Kreuz- und Binderverband
Mauerkrone: flach geneigte Ziegel im dreieckigen Profil
Pfeiler: 52 cm breite, gemauerte Pfeiler in regelmäßigen Abständen
Besonderheit: starke Ausblühungen und Verwitterung
Bauabschnitt 2: Der Lückenschließer
Farbigkeit Ziegel: warm, bräunlich-bordeauxrot
Höhe: ca. 1,95m
Mauerverband: Kreuzverband
Mauerkrone: Rollverband
Pfeiler: keine
Besonderheit: Einschusslöcher
Bauabschnitt 3: Erweiterung
Farbigkeit Ziegel: rötlich-orange
Höhe: ca. 2,55m
Mauerverband: Läuferverband
Mauerkrone: Beton
Pfeiler: 22cm breite Betonpfeiler in regelmäßigen Abständen von 2,75m
Besonderheit: ca. 60cm höher als Bauabschnitt 1 und 2
Die äußere Erscheinung der drei Mauerabschnitte lässt vermuten, dass sie in angegebener Reihenfolge erbaut wurden. Die jeweilige Bauzeit kann mit historischen Karten, Luftbildern und Schrägluftbildern eingegrenzt werden.
Schäden
Insbesondere in den Abschnitten 1 und 2 sind eine Vielzahl an Schäden, etwa in Form von Rissen, Setzungen oder ausbrechender Steine feststellbar. Viele der Schäden, insb. die starken Ausblühungen sind auf Feuchteeinwirkung aufgrund unzureichenden konstruktivem Schutz zurückzuführen. Das bedeutet zum Beispiel, dass durch mangelnde Unterhaltsarbeiten, Wasser über die Mauerkrone in das Mauerwerk eindringen konnte. Ob eine Stabilitätsgefährdung besteht, ist im Einzelfall zu prüfen. Für den Erhalt der Mauer, insbesondere der Teile 1 und 2, besteht akuter Handlungsbedarf.
Eingrenzen der Bauzeiten
Die Spurensuche vor Ort wirft Fragen auf. Wann wurde welcher Teil der Maueranlage errichtet? Und zu welchem Zweck?
Über eine Archivrecherche können diese Fragen zwar noch nicht abschließend beantwortet, aber Antworten eingegrenzt werden.
Bauabschnitt 1 ist der belegbar älteste Abschnitt der Mauer. Er ist bereits in der preußischen Neuaufnahme von 1891-1912 und in einer etwas genaueren Kopie von 1926 grob kartiert [2, 3]. Wahrscheinlich ist also, dass er zeitgleich mit der Villa oder bereits vor ihrem Bau im Jahr 1893 entstand. In der Karte „Die Stadt Jülich in den Grenzen von 1937“ ist das Bauwerk erstmalig mit einer eindeutigen Mauerlinie kartiert und ihr Verlauf entspricht schon relativ genau dem Verlauf in heutigen Karten [4]. Die Fortschreibung der preußischen Neuaufnahme von 1936-1945 weist nur geringfügige Unterschiede zu der Karte von 1937 auf. Die Straße westlich des Grundstücks (heute Kastanienbusch) wird in den 1920er Jahren ergänzt, vorher besteht lediglich ein Fußweg entlang dieser Seite des Grundstücks [6].
Legt man die historischen Karten unter den Verlauf der Mauer von heute, stellt man Abweichungen fest. Auch die Form der Villa in den historischen Karten entspricht nicht ganz ihrer Form heute. Die preußischen Kartenwerke sind im Maßstab 1:25000 angefertigt, was einer gröberen Kartierung entspricht und der Grund für die Ungenauigkeiten sein könnte. Bei den Karten aus dem Stadtarchiv Jülich handelt es sich zwar um Aufnahmen im genaueren Maßstab, jedoch wurden diese aufgrund der hohen Übereinstimmung vermutlich auf Grundlage der preußischen Kartenwerke erstellt.
Aus den historischen Karten geht nicht hervor, wie Bauabschnitt 2 Anfang des 20. Jahrhunderts beschaffen war. Zeitzeugen und Zeitzeuginnen berichteten, dass der frontal vor der Villa gelegene Abschnitt vor Einrichtung des Judensammellagers ein Zierzaun auf niedrigem Sockel war, so wie er heute teilweise noch an der Villa Eichhorn vorhanden ist. Demnach wurde Bauabschnitt 2 ca. 1940-1941 errichtet. [5]
Beim dritten und jüngsten Bauabschnitt kann die Bauzeit relativ genau eingegrenzt werden. In einer Schrägluftaufnahme von 1944 ist das Grundstück von der Westseite aus deutlich fotografiert. Ein Abgleich mit der Situation von heute zeigt, dass die Mauer am Kastanienbusch (Bauabschnitt 3) 1944 noch nicht existierte. Bauabschnitt 1 hingegen erstreckte sich auf der gesamten ursprünglichen Rückseite der Parkanlage. [7]
In der Deutschen Grundkarte von 1954 (M. 1:5000) ist am Kastanienbusch ebenfalls keine Mauer zu erkennen. Ein Zaun bildet hier die Grenze zwischen Grundstück und Straße. [8]
Bauabschnitt 3 ist erstmalig in einem Schrägluftbild aus den 60er Jahren (wahrscheinlich 1963) erkennbar. [9] Er wurde folglich zwischen 1954 und 1963 errichtet.
Zusammenfassend können die Bauzeiten wie folgt eingegrenzt werden:
- Bauabschnitt 1: Ende des 19.Jhd.
- Bauabschnitt 2: ca. 1941 für die Einrichtung des Judensammellagers
- Bauabschnitt 3: zwischen 1954 und 1963
Gefängnisarchitektur?
Am gesamten Bauabschnitt 3 und in Teilen am Bauabschnitt 1 sind nach innen gerichtete Vorrichtungen mit Resten von Stacheldraht vorzufinden. In Kombination mit der hohen Umfassungsmauer, hat die Anlage einen wehrhaften Charakter. Handelt es sich hier um eine Gefängnisarchitektur? Eine Anlage, die zwecks des Internierungslagers für jüdische Bürgerinnen und Bürger errichtet wurde?
Dass auch am Bauabschnitt 3 die Stacheldrahtanlagen angebracht worden sind, spricht gegen diese These, denn dieser Teil der Mauer wurde erst 10-20 Jahre nach der Deportation der Jüdinnen und Juden errichtet. Auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sagten aus, dass sie sich an eine Stacheldrahtvorrichtung nicht erinnerten. [5]
Über Zeitpunkt und Grund der Erbauung der Stacheldrahtvorrichtungen kann hier nur spekuliert werden. Denkbar ist, dass unbefugter Zutritt zur Park- oder Fabrikanlage verhindert werden sollte.
Dennoch: Auch ohne die Stacheldrahtvorrichtung bedeutete die 2 m und stellenweise 3 m hohe Mauer eine deutliche physische Barriere für die Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens, die in der Villa Buth interniert waren. Insbesondere die Ergänzung von Bauabschnitt 2 zeigt ganz deutlich, dass ein Austausch zwischen außerhalb und innerhalb der Mauern stark kontrolliert und eingeschränkt werden sollte. Auch heute ist der räumliche Ausdruck der Abgrenzung stark zu spüren. Die Umfriedung drückt deutlich aus, dass dieses Gelände nicht betreten werden soll.
Bauforschung lohnt sich
Die Beobachtung der Maueranlage zeigt, wie wichtig das Bauwerk selbst als Quelle ist. Je genauer wir aufzeichnen, vermessen, kartieren und beobachten, desto mehr Schlüsse können wir über die Entstehungsgeschichte und die Relevanz eines Bauwerks ziehen. Die Mauer erzählt, wir müssen sie nur lassen!
[1] M. Kummer und T. Ohrndorf, „Architektur und Baugeschichte der Villa Buth,“ in Villa Buth: Zwischenstation zum Holocaust (Veröffentlichungen des Jülicher Geschichtsvereins 1923 e.V. 22), T. Ohrndorf und I. Gedig, Hg., 2. Aufl. Ammianus Verlag, 2024, S. 19–33.
[2] Preußische Kartenaufnahme (Neuaufnahme), 1891-1912. Zugriff am: 28. Dezember 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/
[3] Stadtbauamt: Andereya, Jülich. Übersichtsplan der neuen Straßen [zur Eisenbahnreparaturwerkstätte]. Stadtarchiv Jülich D-40, 1926. Zugriff am: 28. Dezember 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://actapro240.kdvz.nrw/actaproweb/image.xhtml?id=532662be-aaaa-4e4f-ab78-f4ef6cd5a2e6
[4] Die Stadt Jülich in den Grenzen von 1937. Stadtarchiv Jülich, E-11, 1936-1944.
[5] E. Römgens und T. Ohrndorf, „Alltag und Überwachung der Juden in der Villa Buth von März 1941 bis Juli 1942,“ in Villa Buth: Zwischenstation zum Holocaust (Veröffentlichungen des Jülicher Geschichtsvereins 1923 e.V. 22), T. Ohrndorf und I. Gedig, Hg., 2. Aufl. Ammianus Verlag, 2024.
[6] Fortführung der Neuaufnahme, 1936-1945. Zugriff am: 28. Dezember 2025. [Online]. Verfügbar unter: https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/
[7] F. Stadtarchiv Jülich, Luftaufnahme von Kirchberg, Luftaufnahme von Kirchberg, November 1944, angefertigt von einem Aufklärungsflugzeug.
[8] Stadt Jülich, Stetternich, Kirchberg, Altenburg, Selgersdorf, Daubenrath: angefertigt aus 17 Blattausschnitten der Deutschen Grundkarte, Grundriß 1:5000. Stadtarchiv Jülich, D-46, 1954.
[9] Hamburger Aero Lloyd,Luftaufnahme um 1960, Stadtarchiv Jülich, Fotosammlung 03-7