ab 1945
von der Not der Nachkriegsjahre
und vom ersten Zuhause in einer neuen Heimat
zur neuen Nutzung
Unmittelbar nach Kriegsende wurde die Villa Buth wieder als Wohnraum genutzt. Um möglichst vielen Menschen Wohnraum zu bieten, wurden zusätzliche Wände eingezogen. Diese völlig verzehrten Raumeindrücke zeugen heute noch von der Not der Nachkriegsjahre.
Im Laufe der Zeit bezogen hauptsächlich Arbeiter der Fabrik Eichhorn die geschaffene Wohnstruktur. Für viele von ihnen stellte die Villa Buth ein Zuhause in einer neuen Heimat dar.
ein verzerrtes inneres
Dunkel und verwinkelt statt luftig und lichtdurchflutet. Ein dichtes Netz aus scheinbar willkürlich aneinandergrenzenden Zimmern. Das sind die Raumeindrücke, die heute in der Villa Buth vorzufinden sind.
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Was das Gebäude von außen verspricht, ist im Inneren nicht mehr wiederzufinden. Abgehängte Decken und eingezogene Wände machen klein, was einst groß war. Übermalter Stuck, Wandtapeten und Fliesenspiegel überdecken die einst prächtig gestalteten Stuckelemente. Kaum noch nachzuvollziehen, dass es sich hierbei einst um Repräsentationsbereiche handelte. Die letzte Nutzungsphase ist heute am deutlichsten in der Villa Buth vertreten. Ihre Bewohner haben Spuren hinterlassen, die Funktionen der Räume, die Aufteilung der Wohnbereiche – das alles lässt sich heute noch am eindeutigsten analysieren.
ein haus – vierzehn Wohneinheiten
Einst ausladende Räumlichkeiten wurden in bis zu neun Zimmer unterteilt. Eine Struktur von bis zu vierzehn Wohneinheiten kommt in dem Gebäude unter, das einst als Wohnsitz einer einzigen Familie und deren Personal gebaut wurde.
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Bei genauerer Betrachtung der heute noch auffindbaren Raumstruktur lässt sich im Inneren der Villa Buth eine Aufteilung in vierzehn Wohneinheiten deutlich ablesen: bis zu vier Wohneinheiten pro Geschoss, die jeweils mit Küche und Sanitärbereich ausgestattet waren. Daneben finden sich Raumabteile, die den zahlreichen Bewohnern wohl als Kellerabteil bzw. Abstellkammer zur Verfügung gestanden haben. Für diese neue Wohnstruktur wurden ursprünglich ausladende Räumlichkeiten in bis zu neun Zimmer unterteilt. Die entstandene Raumstruktur folgt keinem erkennbaren Muster und scheint dem rein praktischen Grund zu folgen, möglichst viele Wohnungen im Gebäude unterzubringen. Der Anspruch nach qualitativem Wohnraum fällt der Wohnungsnot der Nachkriegsjahre zum Opfer und es entstehen neben Zimmern mit wirren Raumgeometrien auch solche, die völlig ohne Tageslicht oder natürliche Belüftung auskommen müssen.
vierzehn Parteien – zwei Eingänge
Von den vierzehn entstandenen Parteien wurden zwei über die Freitreppe – den ursprünglichen Haupteingang – erschlossen, die restlichen zwölf Parteien gelangten über die Eingangstür der Tiefparterre ins Gebäude. Das Treppenhaus wurde von zehn Wohneinheiten gemeinschaftlich genutzt.
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Durch die Umnutzung zu einem dicht bewohnten Mehrfamilienhaus entstanden auch völlig neue Erschließungswege. Die Freitreppe – vermutlich der ursprüngliche Haupteingang – wurde noch von zwei Parteien zur Erschließung genutzt, die restlichen zehn Wohneinheiten sind über den straßenseitigen Eingang der Tiefparterre zu erreichen.
Und auch die Bewegungsabläufe innerhalb des Gebäudes haben sich an die neue Struktur angepasst. Das Treppenhaus wurde von den Bewohnern von zehn Wohneinheiten gemeinschaftlich genutzt. Innerhalb der Parteien gelangt man nun über einen Raum in den anderen – völlig ineinander verschachtelt; ein sinnvolles Flur- oder Wegesystem ist nicht zu erkennen.
Wegeführungen, die man sich einst als herrschaftlich und geschwungen vorstellte – die Annäherung an das Gebäude durch eine gestaltete Gartenanlage und Speisezimmer denen Loggien vorgelagert waren – kann man sich bei einer Bewohnerdichte von zwölf Familien nicht mehr vorstellen. Stattdessen eher ein geschäftiges Gewusel und Gewirr.
Spuren von Wohnraum
Fliesenspiegel und Wandtapeten, Badezimmerinstallationen und alte Durchlauferhitzer – die letzte Nutzungsphase ist in der Villa heute am präsentesten, und die Funktionen der Räume anhand ihrer Spuren verortbar.
die Familie von Badr Ouali
das erste Zuhause in einer neuen Heimat
Dass die Villa Buth zuletzt auch die erste Station von Menschen in einem neuen Land darstellte, zeigt die Geschichte der Familie von Badr Ouali.
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Die Familie Ouali gehörte wohl mit zu den letzten Bewohnern der Villa Buth. Badr Ouali erzählt im Interview von seiner Kindheit und seinen Erinnerungen in der ‚Villa‘:
Sein Vater kam bereits 1964 von Marokko nach Deutschland, Badrs Mutter und seine älteren Geschwister folgten ihm 1986. Der Vater war Mitarbeiter in der Fabrik Eichhorn, und die Villa Buth ihr erstes Zuhause in der neuen Heimat. Es war nicht einfach, die Familie musste eine neue Sprache lernen, Badrs Eltern konnten im lateinischen Alphabet weder lesen noch schreiben – sein ältester Bruder war zu dem Zeitpunkt bereits im Teenageralter.
Badr wurde im Jahr 1989 in Deutschland geboren. Die siebenköpfige Familie lebte in der Villa gemeinsam in einer 2-Zimmer-Wohnung. Vom zentralen Flur gingen Bad, Küche und Wohnzimmer ab. Daneben gab es zwei Schlafzimmer, und auch der anschließende Abschnitt der Terrasse konnte von der Familie genutzt werden. Die fünf Geschwister teilten sich das größere der beiden Zimmer, welches gleichzeitig aber auch Durchgangszimmer zum Schlafzimmer der Eltern darstellte. Zu siebt auf 75 Quadratmetern, die Bausubstanz schon zu diesem Zeitpunkt in einem schlechten Zustand, keine Heizung, nur ein Ofen.
Vier weitere Parteien lebten zur gleichen Zeit im Gebäude, erinnert sich Badr. Aber warum konnte die Familie dann nicht mehr Raum bewohnen? Die anderen Wohnungen seien in zu schlechtem Zustand gewesen. Hatte Hellmuth Eichhorn die Villa möglicherweise zu dem Zeitpunkt schon aufgegeben?
Für Badr ist die Villa immer „nur ein Zuhause“ gewesen. Es war ein einfaches Leben – zum Kindergarten und wieder zurück, Fahrradfahren lernen auf dem Garagenplatz, Fußballspielen auf der Terrasse und viele Kinder im Haus zum Spielen. Wie „ein großer Spielplatz“ sei es ihm vorgekommen. Er erinnert sich an einen Birnenbaum auf der Wiese und daran, dass man später immer froh darum war, dass die Bushaltestelle direkt vor der Haustür lag. Aber natürlich birgt ein solches Zusammenleben auf engstem Raum auch Konfliktpotenzial. In der Retrospektive beschreibt er das Leben in der Villa „wie ein kleines Ghetto“. Die Position seiner Eltern „guck, wie du klarkommst“, wird ihm später erst bewusst. Als Kind bekomme man von den Problemen schließlich nicht so viel mit.
1997 zog die Familie schließlich aus der Villa Buth aus und in eine Wohnung in Jülich. Heute hat Badr Ouali seinen Abschluss in BWL, den er unter anderem an der University of Lincoln in Großbritannien absolvierte. Von Zweien, die ebenfalls in der Villa Buth aufgewachsen sind, weiß er, dass sie, wie ihre Väter, bei Eichhorns angefangen haben. „Wir haben alle denselben Startpunkt“ und viele seien auch den falschen Weg gegangen. Und ob er noch Kontakt habe zu seinen ehemaligen Spielkameraden? Er nicht mehr, sagt Ouali, aber seine älteren Brüder, die schon.
Zeitzeugeninterview mit Badr Ouali am 10. Dezember 2025