ab 1941
Die Villa Buth als Judensammellager
zur geschichtlichen Aufarbeitung
Angesichts der geschichtlichen Aufarbeitung wurde in den vergangenen Jahren und wird auch heute noch viel Arbeit geleistet. Publikationen erzählen von den Gräueltaten der Nationalsozialisten und dem Schicksal der internierten Jüdinnen und Juden.
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In den Jahren 1941 und 1942 folgte das wohl dunkelste Kapitel der Villa Buth, als im Zuge des um sich greifenden Nationalsozialismus die jüdische Bevölkerung der Kreisgebiete Jülich, Düren und Erkelenz in der Villa Buth interniert wurde [1]. Zeitweise über 100 Jüdinnen und Juden wurden in dem Gebäude untergebracht [2]. Ihr Alltag war geprägt von strengen Regeln und Einschränkungen und von der ständigen Ungewissheit, denn letztendlich stellte die Villa Buth in ihrem Leben eine Zwischenstation dar – sie war Sammellager der jüdischen Bevölkerung für die bevorstehende Deportation in Ghettos und Vernichtungslager [1]. Nur wenige Insassen der Villa Buth haben den Nationalsozialismus überlebt.
Lange Zeit schien über dieses Kapitel des Gebäudes geschwiegen worden zu sein. Doch heute wurde historisch ausführliche Aufklärungsarbeit geleistet. Besonders hervorzuheben ist hier wohl der Projektkurs des Heilig-Geist-Gymnasiums in Würselen unter der Leitung des Lehrers Timo Ohrndorf und die daraus hervorgegangene Publikation „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“.
Die Publikation erzählt unter anderem von den Geschichten und Schicksalen der Jüdinnen und Juden. Sie gibt Einblick in den streng kontrollierten Alltag in der Villa Buth und in den demütigenden und unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Bewohner des Hauses leben mussten.
[1] T. Ohrndorf, „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust – Ein Projekt des Heilig-Geist-Gymnasiums Würselen“, in Villa Buth: Zwischenstation zum Holocaust (Veröffentlichungen des Jülicher Geschichtsvereins 1923 e.V. 22), T. Ohrndorf und I. Gedig, Hg., 2. Aufl. Ammianus Verlag, 2024, S. 16–17.
[2] M. Kummer und T. Ohrndorf, „Architektur und Baugeschichte der Villa Buth, in Villa Buth: Zwischenstation zum Holocaust (Veröffentlichungen des Jülicher Geschichtsvereins 1923 e.V. 22), T. Ohrndorf und I. Gedig, Hg., 2. Aufl. Ammianus Verlag, 2024, S. 19–33.
das Leben in der Villa
Erinnerungen von Friederike Goertz
Friederike Goertz zog als Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter in die Villa Buth ein. In Interviews erzählt sie von durch Vorhänge unterteilte Räumen, aber auch von Kindheitserinnerungen, in denen die Villa Buth das Märchenschloss spielte.
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Zeitzeugenberichte geben vereinzelt Einblicke in die Wohn- und Lebensverhältnisse der internierten Jüdinnen und Juden im Gebäude.
Besonders eindrücklich sind die Erläuterungen von Friederike Goertz, die als junges Mädchen mit ihrer Mutter in die Villa kam und überlebte. „Die Villa Buth war für mich wie ein Märchenschloss“ [1], sagt sie und spricht damit die Widersprüchlichkeit aus, die das Gebäude seit 1941 in sich trägt. Denn die Villa Buth wirkte und wirkt auch heute noch wie ein Märchenschloss. Ein Schloss aber auch, in dem bis zeitweise über 100 Menschen genötigt waren, zugleich unterzukommen [2], ungewiss, welches Schicksal sie erwarten würde. Ein Schloss, dessen große Hallen von Vorhängen durchzogen waren, um mehr „Zimmer“ zu schaffen und vermutlich nur eine Idee von Privatsphäre zu suggerieren. Ein Schloss, auf dessen Freitreppe Friederike Goertz mit ihrem Onkel ‚Aschenputtel‘ nachspielte und so spielerisch lesen lernte, zu einer Zeit, zu der es nicht zumutbar war, sie in die Schule zu schicken. Ein Schloss, umgeben von einer Mauer, die das Geschehen im Inneren verbarg und kontrollierte.
[1] Interview mit Friederike Goertz in: WDR (Juli 2019). Meine Mutter sah furchtbar aus. WDR Dossiers – Kindheit im Krieg. https://www1.wdr.de/dossiers/kindheit-im-krieg/video-meine-mutter-sah-furchtbar-aus-100.html
[2] M. Kummer und T. Ohrndorf, „Architektur und Baugeschichte der Villa Buth, in Villa Buth: Zwischenstation zum Holocaust (Veröffentlichungen des Jülicher Geschichtsvereins 1923 e.V. 22), T. Ohrndorf und I. Gedig, Hg., 2. Aufl. Ammianus Verlag, 2024, S. 19–33.
ein ungemütliches Denkmal
Menschen hinterlassen Spuren, besonders in Zeiten der Verzweiflung und Ungewissheit. Diese Spuren nicht zu verwischen und stattdessen den Menschen hinter ihnen zu gedenken, ist Aufgabe solcher Orte.
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Die Villa Buth ist Zeugin ihrer Geschichte – Zeugin ihrer Opfer. Ein ungemütliches Denkmal. Auf keine andere Weise können die Geschehnisse, ja das Gefühl und die Atmosphäre, besser vermittelt werden als am Ort der Gräueltaten selbst. Innerhalb der das Grundstück umgebenden Mauern zu stehen. Den Wohnraum nach bestem Wissen nachzustellen und zu sehen, auf wie wenig Platz Menschen hier auskommen mussten. Aber auch darüber hinaus stellt sich die Frage: Welche Spuren sind innerhalb der Mauern noch zu finden? Eine Bauforschung wäre im Hinblick auf dieses Kapitel der Villa Buth besonders interessant. Vergleichsobjekte mit einer ähnlichen Geschichte zeigen, dass Menschen Spuren hinterlassen haben, vor allem Menschen voller Zweifel und Verzweiflung, in Momenten der Ungewissheit.
Solche Orte und mit ihnen die Spuren ihrer Geschichte sind häufig Grundlage zur Errichtung einer Erinnerungsstätte. Sie selbst sind das Hauptexponat, durch das die Geschichte transportiert wird. Als Vergleichsobjekte können unter anderen genannt werden: die Gedenkstätte Abtei Brauweiler, sowie das NS-Dokumentationszentrum in Köln, aber beispielsweise auch das SA-Gefängnis Paperstrasse in Berlin. An all diesen Orten wurden Menschen im Zuge des Nationalsozialismus festgehalten. Heute dokumentieren sie die Spuren der Opfer, vermitteln, was diesen in ihren dunkelsten Zeiten durch den Kopf ging, wem sie gedachten, wem sie noch eine letzte Nachricht hinterlassen wollten, mit dem schlimmen Verdacht, dass dies die Endstation für sie sein könnte. Ihre Spuren nicht zu verwischen und stattdessen ihnen zu gedenken ist unserer Meinung nach unbedingt Aufgabe dieser Orte.